Aber bitte einfach!

July 7th, 2010 by meriadoc

Liebe sonderpädagogische Kolleginnen und Kollegen.

Ein wichtiger Rat für diejenigen unter uns, die ab und zu aufgrund einer Verkettung unglücklicher Umstände in die Lage kommen, ein Referat halten zu müssen: Referieren Sie bitte einfach!

Worüber Sie referieren spielt dabei eigentlich keine wesentliche Rolle, wichtig ist nur die Form. Deshalb können Sie, wenn Sie sich erst einmal einen Experte-für-irgendetwas-Status erarbeitet haben, beruhigt auch Referate zu Themen halten, von denen Sie eigentlich überhaupt nichts verstehen. Die Leute die zuhören wissen sowieso grundsätzlich gar nichts und sind von Natur aus blöde. Diese universelle Prämisse gilt in verschärfter Form für Lehrpersonen, sonderpädagogisches Fachpersonal und natürlich und am ausgeprägtesten für Studierende.

Hüten Sie sich aber vor Fehlern: Wegen oben genannter Prämisse gibt es nichts Schlimmeres, als sich an einem Referat beispielsweise dazu hinreissen zu lassen, sprachlich unzumutbare Konstrukte wie etwa Nebensätze oder – Hermes bewahre! - gar Fachbegriffe zu benutzen. Damit outet man sich sofort und ein für allemal als theoriefixiertes, praxisfremdes, leicht wirres und Elfenbeintürme bewohnendes Exemplar der Gattung Wissenschaftler. Automatisch ist mit dieser Klassifikation selbstredend jede Alltagsrelevanz und jede Glaubwürdigkeit des Gesagten unwiederbringlich dahin.

Ein wundervolles Rezept dagegen, ja nachgerade ein Zaubermittel für die einfache Weichspülung von Referaten, das offensichtlich nicht nachdrücklich genug empfohlen werden kann, ist das Herunterbrechen. Erkenntnisse, insbesondere Forschungsresultate (so man denn nicht davon lassen kann, solche in einem Referat überhaupt zu erwähnen), müssen prinzipiell heruntergebrochen werden; alle übrigen Argumente und Aussagen muss man herunterbrechen, damit sie die generell blöden und nichts wissenden Zuhörenden auch verstehen. Dazu kann in Härtefällen die Hilfe professioneller Herunterbrecher in Anspruch genommen werden oder die Zuhörenden werden mit möglichst vielen, bunten PowerPoint-Folien von den Inhalten (falls vorhanden) abgelenkt.

Das Herunterbrechen als didaktisch-rhetorische Kernkompetenz zeichnet uns als referierende sonderpädagogische Fachpersonen gegenüber anderen Berufen aus. Bei Zimmermännern etwa ist das Herunterbrechen nicht so weit entwickelt, auch nicht bei Orthopädinnen oder bei Ingenieuren im Brückenbau. Erstaunlich, eigentlich.

Da fragt man sich, warum man in Referaten im sonderpädagogischen Kontext oft Dinge hört, die einem doch ziemlich gebrochen und tief unten vorkommen - und die man trotzdem nicht immer versteht.

Verbrecherisches Ritalin

June 26th, 2009 by meriadoc

Liebe Verbrecherinnen und Verbrecher

- ‘tschuldigung, ich meine natürlich liebe Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen. Aber Verbrecher sind wir alle, die wir uns nicht mit voller Energie der absoluten Bannung und Eliminierung auch der allerletzten Spuren des Ritalins in unserer Welt verschreiben. Zumindest nach Meinung von Herrn Feuser (Weltwoche 26.09).

Die wissenschaftlich hochdifferenzierte und in ihrem Gehalt revolutionäre, bisher nie gehörte oder gelesene Konsequenz des Pamphlets (übrigens aufgemacht als Interview) lautet “unsere moderne Welt ist kinderfeindlich” - ach so, ja dann…

Selbstverständlich liegt das vor allem an den bösen Müttern, die ihre schlecht gebundenen Kinder gleichzeitig verhätscheln und überfordern und damit der grassierenden Seuche ADHD Vorschub leisten, die selbstverständlich nur ein Konstrukt unserer bösen Gesellschaft und mithin ein Verbrechen am Kinde ist.

Dass der Text Herrn Feusers vor internen Widersprüchen nur so strotzt (da gibt es ADHD also nicht, trotzdem gibt es Kinder die “so sind” - was man gefälligst auch im Unterricht fächerübergreifend erforschen soll - und die eigentlich “Fähigkeiten” haben, bei denen dann doch “möglicherweise eine hirnfunktionale Störung im Hintergrund” mitspielt) und auch souveräne Kenntnis der aktuellen Forschungslage an den Tag legt (”Es gibt keine Langzeitstudien…”) verzeiht man gern. Schliesslich erhält man dafür revolutionäre neue Erkenntnisse über den Verlauf der Evolution: “Auch unsere genetischen Dispositionen verändern sich danach, wie wir leben” (sic!). Der arme Darwin dürfte sich im Grabe umdrehen.

Vielleicht wäre es angebrachter, anstatt die “massenhafte Verordnung von Ritalin” die massenmediale Verbreitung solch undifferenzierter Zweihänder-Polemik  zu verbieten, Herr Feuser!

Ihr Meriadoc

Hurra, hurra, Curricula!

March 29th, 2009 by meriadoc

Freuen wir uns, liebe Freundinnen und Freunde, mit denjenigen Glücklichen, die an den PHs für sonderpädagogische Inhalte zuständig sind. Mit den überall um sich greifenden Curriculumsreformen bricht endlich die lang ersehnte neue Zeit an. Sie bringt all die segensreichen Neuerungen, mit denen die Studierenden in der Hälfte der Zeit das Dreifache lernen werden und dies vor allem selber (sprich mit maximal einem Drittel der Dozierenden) und ohne zu merken was sie lernen.

Die neuen Curricula bescheren uns zu diesem Behufe schöne neue Wörter. Zum Beispiel “Lernfeld”. So nennt man (auch nicht-agronomische) Dinger, in denen Dozierende, welche von drei Vierteln der zu thematisierenden Inhalte keine Ahnung haben (das nennt man übrigens interdisziplinär) von anderen (die dann wahrscheinlich Ahnung gehabt haben?) vorbereitete Lehrveranstaltungen nach dem SABTA-Prinzip abhalten (Souveränes Auftreten Bei Totaler Ahnungslosigkeit), wobei die Studierenden getrost zu Hause bleiben bzw. einer sinnvollen Tätigkeit (wie z.B. vikarisieren) nachgehen und abends am Computer lernen sollen (das nennt man dann Wissensbasis und diese wiederum hat den Vorteil, dass auch die Dozierenden die Grundlagenliteratur ihrer Lehrveranstaltungen nicht mehr selber zu lesen brauchen).

Dass diese Lernfelder (Kraft ihrer Interdisziplinarität) natürlich bereits alle relevanten sonderpädagogischen Inhalte abdecken (welche folglich nicht mehr in irritierender explizität den Studierenden zugemutet werden müssen), versteht sich von selbst. Besonders wenn die Lernfelder noch mit sehr konkreten Modulen angereichert werden wie etwa “Durchführen von Klassenlagern”, angeboten in Zusammenarbeit mit der Gewerkschaft der Pfadi-Führer und ausgerichtet auf konkrete, sonderpädagogisch höchst relevante Lager-Themen wie “Heilige Texte” (Untertitel: wie führe ich renitente Schüler in einer Woche zum Seelenheil).

Heil Heilpädagogik!

May 9th, 2008 by meriadoc

Willkommen liebe Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen bei den begrifflichen Schildbürgern. In typisch gut-schweizerischer Tradition ist es uns (gemeint ist mit dem Pluralis die schweizerische Sonderpädagogik) einmal mehr gelungen, uns erfolgreich von den international etablierten wissenschaftlichen Begrifflichkeiten abzuschotten und in ein traditionsbewusstes, missverständliches terminologisches Reduit zu flüchten, in dem wir uns in der nächsten Zeit trotzig-stachlig sprachlich einigeln können.

Worum es geht? Die zuständige Arbeitsgruppe der Erziehungsdirektoren - Konferenz (EDK) der Schweiz beliebt ihr Fach im gleichlautenden Positionspapier fortan HEILpädagogik zu betiteln. Man liest richtig - es fehlt sogar der ansonsten doch zum Mindeststandard avancierte kollegial-brückenschlagende Bindestrich zur Heil- und Sonderpädagogik. Gehören wir renitenten Begriffs-Revoluzzer fortan also noch zum Fach?

Falls ja: Wen gilt es zu heilen, und wovon? Oder ist dies die falsche Frage? Also ein neuer Versuch: Wen müssen wir zum Heil führen? Ups - in Zeiten religiös-brisanter und politisch überkorrekter Bildungsdiskussionen wohl noch falscher… Bleibt nur der historisch doch übel belastete Gruss: Heil Pädagogik…
Auf die Idee, den international üblichen (und nota bene von den relevanten internationalen Gremien explizit empfohlenen) Begriff Sonderpädagogik (= offizielle deutschsprachige Übersetzung von Special Needs Education) zu verwenden, ist man in bester isolationistischer Schweizer Tradition selbstverständlich nicht eingegangen (ein entsprechender Antrag eines unbedarft naiv-unschweizerischen Gruppenmitglieds wurde - netterweise mit einem verstehend-mitleidig lächelnden Schulterklopfen - nicht zur Kenntnis genommen). Die massgebende Besetzung der genannten Gruppe mit Personen aus Institutionen, welche den gleichen heraldisch leuchtenden Terminus in ihrem Namen zu führen stolz sind, hat damit selbstverständlich überhaupt rein gar nichts zu tun.
Wir freuen uns jetzt schon auf die äusserst Gewinn bringenden Begriffsdiskussionen, die unser harren……
(Meriadoc)

Taktische Hinweise zum Schreiben von Fachartikeln

November 19th, 2007 by meriadoc

Liebe Forschende der Sonderpädagogik. Sicher ist es euch auch aufgefallen: Es ist zunehmen taktisch anforderungsreich, einen Fachartikel (ganz besonders einen empirischen) in deutscher Sprache zu schreiben. Dabei handelt es sich primär um ein rein quantitatives Problem:

In der Einleitung sind mindestens zwanzig Seiten wertgeleitetes Ganzheitlichkeits-Credo erforderlich (in der Funktion eines absolut notwendigen Schutzes vor der Denunziation als technokratischer, reduktionistischer und positivistischer Unmensch).

Anschliessend gilt es, in der theoretischen Einbettung des eigentlich zu Sagenden eine ausgiebige Luhmann-Exegese zu verfassen (keine Angst: Ob diese inhaltlich richtig ist oder einen Bezug zum Thema hat, ist dabei zweitrangig) und diese breit mit anderen systemischen, systemtheoretischen, ökologischen, öko-systemischen, konstruktivistischen, dekonstruktivistischen, neokonstruktivistischen, kritischen, sozialkritischen, gesellschaftskritischen, marxistischen, neomarxistischen und x-istischen Bezügen zu versehen, wobei im deutschsprachigen Raum mindestens je zehnmal Jantzen und Feuser zitiert sowie die ethischen Konsequenzen des Holocoust ausgiebig und in jedes andere Votum zu Unwichtigkeit niederwalzender Manier breitgetreten werden müssen.

Dann hat man eine halbe Seite Platz zur Darstellung der eignen Forschung. Diesen Teil kann man jedoch getrost weglassen; das ist vielleicht sogar besser. Es empfiehlt sich aber auf jeden Fall, ja keine methodischen Angaben zu machen und sich allgemein kurz zu halten; schliesslich braucht man anschliessend mindestens fünfzig Seiten, um die bildungspolitischen Konsequenzen sowie die Folgerungen für die Berufsausbildung und Weiterbildung von Sonderpädagogen, Lehrpersonen, Psychologinnen, Eltern, Schulleiterinnen, Lehrmittelautoren und Pausenbrotbäckern abzuleiten und nachdrücklich die notwendigen Rahmenbedingungen für deren Umsetzung von der Gesellschaft einzufordern (wir sind uns einig: Bevor nicht mindestens für jedes Kind zwei Lehrpersonen und eine Sonderpädagogin, ein Klassenzimmer und ein persönliches Lernatelier, täglich zwischen zwei und drei Therapie- oder Förderlektionen und permanente sozialpädagogische Betreuung in vier Sprachen bereitgestellt worden sind, sprengt Lernen in jedweder Form sowieso die Grenzen des Schulsystems und ist aus Prinzip nicht zu verantworten).

Somit kommt der Artikel auf mindestens 200 Seiten. Der Nachteil ist, dass damit die Zeitschriften eine akute Tendenz zur Fettleibigkeit entwickeln (was natürlich ein gesamtgesellschaftliches Problem ist), der Vorteil, dass man damit, ob man will oder nicht, in der Auffassung gewisser Universitäten automatisch eine Habilitation zu Papier gebracht hat und – ach herrje – plötzlich Professorin ist…

(Meriadoc)

Welcome!

November 19th, 2007 by meriadoc

Liebe Leserinnen und Leser

Dieser Blog ist der Ort, wo unsere geliebte sonderpädagogische Wissenschaft mit der nötigen Narrenfreiheit angeschaut werden darf und soll. Die Lage ist Ernst - lasst deshalb Humor walten. Ernst nehmen ohne ernst zu werden heisst die Parole. In diesem Sinne gute Lese…

Hello world!

November 19th, 2007 by meriadoc

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